HAUSCHKA
foreign landscapes
fat cat / cd 13-12
Mit der Veröffentlichung seines letzen regulären Albums „Ferndorf“, dem ersten für die renommierte britische Plattenfirma Fat Cat, wurde Volker Bertelmann aka Hauschka zu einem international gefragten Konzertpianisten. Noch im Jahr 2008 spielte er sein bezauberndes Minimal-Set für präpariertes Klavier in einem kleinen Theater in Berlin Mitte vor etwa 60 Zuhörern. Kaum ein Jahr später, im März 2009, wunderte sich Bertelmann über die Warteschlange vor dem Berliner Dot Club, wo er am gleichen Abend spielen sollte. Also fragte er einen der Wartenden, wofür der denn anstehe. „Na, für Hauschka“, war die Antwort.
Über volle Häuser wundert Bertelmann sich inzwischen nicht mehr. Auch dass die Adressen mittlerweile auf Namen hören wie Queen Elizabeth Hall oder Roskilde Festival, nimmt er gelassen hin. Wenn man circa 100 Tage pro Jahr in aller Herren Länder Konzerte spielt, dann entwickelt man vor allem Gelassenheit.
Heitere Gelassenheit ist es auch, was Hauschkas neues Album „foreign landscapes“ ausstrahlt. Und es sind tatsächlich fremde Landschaften, die der Düsseldorfer hier besucht. Denn als Pianist tritt er nur zurückhaltend in Erscheinung. Stattdessen zeigt sich Hauschka erstmalig als versierter Arrangeur für Kammerensemble. Das Magik Magik Orchestra, eine Art Kreativpool für Orchestermusiker, lernte er bei einem gemeinsamen Konzert in San Francisco kennen. Man mochte und inspirierte sich gegenseitig. Im Dezember 2009 schrieb Bertelmann Stücke für Streicher, Posaunen und Klarinetten. Schon im Januar 2010 fanden die Aufnahmen zu foreign landscapes im Tiny Telephone Studio in San Francisco statt, zusammen mit zwölf Musikern des Magik Magik Orchestra.
Wenn ein erfolgreicher Pianist ein Album mit wenig Piano, ja, über weite Strecken sogar ohne seine Beteiligung als ausübender Musiker aufnimmt, dann kann das einen hochmütigen Beigeschmack haben. Dieses Vorurteil verfliegt nach wenigen Minuten mit foreign landscapes. Denn hier klingt nichts gewollt oder bemüht. Vielmehr macht sich Hauschka mit diesem Album zum Botschafter von Echtheit.
Alle Musik wurde komplett live eingespielt auf eine Weise, die das Schaben der Geigenbögen, die Klappen der Blasinstrumente und das Atmen der Musiker nicht kaschierte, sondern hörbar zuließ. So entstand eine weitere Dimension hinter dem, was man auf Notenpapier schreiben kann. Eine Ebene des Geräuschs, erzeugt von Menschen, die sich zur gleichen Zeit im gleichen Raum befanden. Diese kleinen Geräusche, die auch Hauschkas Klaviermusik so intim machen wie einen Tagebucheintrag, erzählen von der Unwiederbringlichkeit des Augenblicks. So entsteht narrative Musik.
Als Pianist trifft Hauschka einen Nerv beim Publikum. Er ebnet Wege zu „schwieriger“ Musik, gerade weil seine Musik so vermeintlich einfach ist. Freundliche Harmonien in überschaubaren Pattern, etwas merkwürdig verfremdet durch Präparationen, das öffnet Ohren für experimentellere Klänge. Diese Leistung des Musikers Hauschka vollbringt auch der Komponist und Arrangeur Hauschka mühelos.
Er spannt weite Melodiebögen und bettet sie in komplexe Arrangements. Vertrackte, drängende Rhythmik kontrastiert er mit der Klarheit durchsichtiger Strukturen. Auch harmonisch und rhythmisch komplexe Passagen wirken mühelos und schlicht. Foreign landscapes ist im schnellen Wechsel heiter und schwermütig, leicht und dramatisch. Trotzdem wird man von dieser Musik nie überrumpelt, vielmehr an der Hand genommen. Sehr selbstverständlich arbeitet der Komponist Hauschka mit ungeraden Takten und überraschenden Harmoniewechseln. Hier wird vielzüngiges Geigen-Gewimmel abgelöst von einem Stück, in dem Klarinetten und Celli einen weiten Raum öffnen. Unentschiedene Mehrstimmigkeit hält ein anderes Stück lange in der Schwebe, bis sich die Spannung schließlich in einem prachtvollen Dur auflöst. foreign landscapes ist spröde und opulent zugleich.
Als Neo-Impressario des präparierten Klaviers erzeugt Haquschka perkussives Klappern, Schnarren oder Rappeln mit Hilfe von Schrauben, Radiergummis oder Butterbrotpapier. Seine Pianostücke durchziehen dieses Album wie Atempausen. Aber egal, ob Hauschkas Musik von nur einem Pianisten oder einem ganzen Orchester gespielt wird – stets ist sie entrückt und aufwühlend, körperlos und konkret zugleich.